Hoffnung fördert Heilung - Logotherapie in Aktion (als Buchausgabe geplant)

Autorin: Karin Zysset

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Abstract

 

Hoffnung fördert Heilung – Logotherapie in Aktion

Karin Zysset

Theorieverschränkter Praxisbericht (Reflexion eigener Praxiserfahrung)

 

In meiner praktischen Tätigkeit als Logotherapeutin erlebe ich immer wieder, welch unschätzbarer Wert der Hoffnung im therapeutischen Setting zukommt. Ich wage zu sagen, sie ist eine der wichtigsten (wenn nicht sogar die wichtigste) Voraussetzung einer erfolgreichen Therapie. Hoffnung schafft einen Grund, ein Ziel, auf das hin es zu leben gilt. Sie kann konkret oder allgemein sein (wie sie z.B. im geflügelten Wort „hoffen auf bessere Zeiten“ ausgedrückt ist). Doch sie ist in jedem Fall zukunftsorientiert und in ihrem Streben vorwärts gerichtet.

Hoffnung die aus meiner Sicht wohl grundlegendste aller therapeutischen Interventionen. So soll auf eine Therapie, welche dem Schaffen, Erhalten und Fördern der Hoffnung im Leben des Patienten, in dieser Arbeit das Augenmerk gerichtet sein. In einem ersten Teil werde ich auf den aktuellen Stand der Psychotherapieforschung in diesem Gebiet Bezug nehmen und der sich daraus ergebenden Relevanz für das therapeutische Geschehen.

Es folgt in einem zweiten Teil eine theoretische Zusammenfassung der Kernaussagen der Logotherapie und deren Bezug zum Thema Hoffnung, einschließlich eines Vergleichs zu anderen Therapieformen.

Diese theoretischen Teile werden in einem dritten Teil ergänzt mit eigenen Erfahrungsbeispielen aus meiner praktischen logotherapeutischen Tätigkeit.

Die abschließende Diskussion soll zusammenfassend zeigen, weshalb der Logotherapie im Bereich der Hoffnungsvermittlung eine ungeteilte Vorzugsstellung zukommt.


 

Einleitung

 

Wer ein „warum“ zum Leben hat, erträgt fast jedes „wie“. Die Wahrheit dieses Zitates von Friedrich Nietzsche zeigt sich in anschaulicher Weise im Leben Viktor Frankls, seinerseits Begründer der Logotherapie.

Seine Geschichte ist die eines Überlebenden dreier Jahre Konzentrationslager mit all den sich daraus ergebenden tragischen Folgen wie den Verlust seiner Eltern, seiner jungen Ehefrau und seines Bruders, welche dort den Tod fanden. Doch Frankl besaß ein „warum“, ein „wozu“ um dieses „wie“ voller Leid und Schmerz zu ertragen, ja sogar zu überwinden: Sein Welt- und Menschenbild. Dieses begleitete ihn damals in die Hölle des Konzentrationslagers. Sprichwörtlich, denn sein Werk philosophischer Überlegungen war bei seinem Lagerantritt eingenäht im Futter seines Mantels. Dort verlieren sich die Spuren des Schriftstücks, das Frankl zusammen mit seiner Kleidung abgenommen wurde, doch der Inhalt des Geschriebenen überlebte. Als Frankl drei Jahre später durch das Kriegsende befreit wurde, war das Papier höchstwahrscheinlich längst den Flammen zum Opfer gefallen und dessen Inhalt nicht länger eine in Tinte abgefasste Aufzeichnung. Jedoch lebten seine Worte in Frankl weiter, geprüft und geläutert im Schmelzofen des Elends. Ihr Wahrheitsgehalt zeigte sich nicht mehr in Form theoretischer, philosophischer Überlegungen, sondern er war für immer eingraviert in Frankls Herzen. Die Theorie hatte ihre wortwörtliche Feuertaufe überstanden und sich in der Praxis als hoffnungsschaffende, lebenserhaltende Weisheit erwiesen.

Aus seinen philosophischen Überlegungen und dem damit einhergehenden Weltbild schöpfte Frankl auch nach Kriegsende Kraft. Er fand darin weiterhin ein „wozu“ zum weiterleben trotz aller Verluste und traumatisierender Erfahrungen. Entgegen vieler anderer, welche ein ähnliches Schicksal durch- und dabei emotional und psychisch Schiffbruch erlitten hatten, bescherte seine Art und Weise dem Leben zu begegnen Frankl eine vollständige Genesung und eröffneten ihm einen Weg in eine lebbare Zukunft. Wo andere unter der Last der Ungerechtigkeit und Grausamkeit zerbrachen, fand Frankl neue Kraft, einen Weg zum Weitergehen und Vergeben.

Erneut niedergeschrieben wurden seine philosophischen Überlegungen als Logotherapie veröffentlicht. Frankl erhielt bis zu seinem Lebensende 29 Ehrendoktorate, schrieb noch 32 Bücher (ein Großteil davon wurde in 10-20 Sprachen weiter übersetzt) und so verteilte sich sein Gedankengut über den ganzen Erdball und wurde zum Samen neuer Hoffnung für viele millionen Menschen rund um den Globus.

Die Gedanken Viktor Frankls sind uns außer in seinen Büchern auch in Videoaufnahmen, Interviews, seiner Biografie und Berichten derer, welche ihn persönlich kannten, erhaltenen. Sie fordern uns heraus, die eigene Biografie nach Frankls Weltbild auszurichten. Er selbst formulierte das Geheimnis des Lebens sinngemäß mit den Worten, dass nicht wir es sind, die dem Leben Fragen zu stellen haben, sondern dass das Leben sie an uns stellt und wir aufgefordert sind, ihm zu antworten, mit unserer Einstellung ihm gegenüber und indem, wie wir es verantworten.

Meine eigene Ausbildung zur Logotherapeutin und der damit einhergehenden Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Menschen- und Weltbild, bewirkte in meinem Leben ein ungeahntes Aufblühen und eine Freisetzung enormen Potenzials neuer Kraft und Möglichkeiten. In der Analyse dessen, wie dieser neue Schwung und Lebensmut eigentlich zustande gekommen war, wurde mir bewusst, dass es an der tief positiven, hoffnungsvollen Grundhaltung liegt, welche die Logotherapie dem Leben gegenüber einnimmt.

Grundthema der Therapie sind Sinnfindung und Sinnerkennung, das Bewusstwerden und Verstehen, dass das Leben in einem größeren Zusammenhang steht und es einen größeren Plan gibt, der sich als roter Faden durch unser Leben webt. Gleichsam einfühlsam und scharfsinnig bringt uns die Logotherapie mit diesem roten Faden in Kontakt, führt uns in ehrfürchtiges Staunen über dasjenige, was in der Vergangenheit schon wachsen durfte und weckt neue Hoffnung auf das, was noch als potentielle Möglichkeit zukünftig vor uns liegt.

Diese Hoffnung kann sich so in Form einer Sicht „wie weiter“, oder einer neuen Ermutigung, noch nicht aufzugeben zeigen, oder einer Überzeugung, dass trotz (oder gerade wegen) der Schwierigkeiten was Größeres auf den leidenden Menschen wartet. Manchmal erweist sie sich auch als Hoffnung, wie sie ausgelöst werden kann, wenn man sich in seinen Reaktionen besser versteht. Z.B. ausgelöst durch einen tieferen Zugang zur eigenen Biografie und einem damit einhergehenden Verständnis der aktuellen Schwierigkeiten und der Suche nach Möglichkeiten zu deren Überwindung.

Was aber, wenn Hoffnung an ihre Grenzen stößt? Eine Grenze, wie sie im bekannten Gebet Franz von Assisis ausdrückt wird:

„Gott helfe mir zu ändern, was ich ändern kann, zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann und gebe er mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!“

Weisen doch die Worte der zweiten Hälfte des Gebets auf die Grenzen der Hoffnung hin: Wie leben wir mit dem Unabänderlichen, z.B. in Form einer tödlichen Krankheit oder dem Verlust eines geliebten Menschen? Auch – oder gerade speziell - solchen Fragen stellt sich die Logotherapie. Mit tiefer Weisheit führt sie uns einen Weg, unabänderbares Leid in Akzeptanz zu ertragen. Sie begleitet uns im Erkennen, dass es immer einen größeren, wenn auch eventuell nicht sichtbarer Zusammenhang gibt, der über unser kleines Menschenleben hinausreicht und dem gegenwärtigen Leid ein Sinn zukommt, dies daher nicht vergeblich ist. Somit wird das mit unabänderbarem Leid eng gekoppelte Gefühl der Hoffnungslosigkeit aufgeweicht, indem sich die Hoffnung über eine notwendig sichtbare Verbesserung der Umstände hinaus in einen geistigen Raum erstreckt. Wir sprechen hier von einer Hoffnung, die geschaffen wird durch die Sinnhaftigkeit des Ertragens eines Leides, des „Nichtvergeblich-Seins“ unseres Daseins, einer Hoffnung, die unsere oberflächliche Beurteilung der Geschehnisse dieser Welt weit überschreitet. Die Logotherapie vermittelt somit Hoffnung, durch ihr dreidimensionales Menschenbild. Wo das Psychophysikum (Leib und Psyche) an ihre Grenzen stoßen, eröffnet sich dem Leidenden ein weiterer, dritter Hoffnungsraum in der noogenen (geistigen) Dimension.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Volksmund. Eigentlich überhaupt nicht, sofern das Leben aus logotherapeutischer Sicht gelebt wird.